Wasserprojekte


WE LOVE YOUganda: Einfach nur die pure Freude

Tim Ukena, der das Jahr über das Online-Marketing für FKP Scorpio und Festivals wie SOUTHSIDE - HURRICANE - CHIEMSEE SUMMER - MERA LUNA - HIGHFIELD - ROLLINGSTONE WEEKENDER rockt, lässt sogleich nach seiner Rückkehr die Festival-Projektreise WE LOVE YOUGANDA 18.2. bis 1.3. Revue passieren. Und wir dürfen teilhaben!

Mein Abo bei dem marktführenden Musikstreamingdienst ist ausgelaufen. Genervt, zerzaust und mit dem ersten vernünftigen Kaffee seit zehn Tagen in der Hand, lasse ich 30 Sekunden über mich ergehen, in denen eine omnipräsente internationale Klamottenmarke versucht, mir nicht nur Billigsweater, sondern auch das dazu passende Lebensgefühl zu verkaufen.

?...und einfach mal loslassen, lebe Deinen Traum, feiere Dich selbst, genieße das Leben, das ist Dein Sommer...? blablablabla.

 

Der Plastikgeschmack, den das Marketingsprech an diesem Morgen auf meiner Zunge hinterlässt, ist stärker als üblich. Denn die Eindrücke der letzten Woche sind noch frisch, zucken und zappeln und sind vor allem so real wie ein Knüppel auf den Kopf. Heute ist Dienstag, der 3. März, der erste Tag nach meiner Rückkehr von der Projektreise nach Uganda mit Viva con Agua. Obwohl mein Flieger bereits einen Tag zuvor um 9:40 Uhr morgens in Hamburg landete, hab ich den Montag damit verbracht, meinen Körper, der von einem verdorbenen Magen und hohem Fieber am vorletzten Reisetag gebeutelt war, durch Schlaf wieder in die Spur zu bekommen. Es ist mir nur mäßig gelungen. Und somit starre ich aus dem Fenster und vergegenwärtige mir die Dynamik zwischen dem im Audiowerbespot beschriebenen grundnaiven Hedonismus und der Lebensrealität der Menschen des Landes, das ich bis gestern bereisen durfte.

Hedonismus ist das richtige Stichwort. Im Grunde verkaufe auch ich welchen. Ich arbeite seit einigen Jahren für FKP Scorpio Konzertproduktionen GmbH, eine Konzert- und Festivalagentur in Hamburg, die gefühlte fünf Trilliarden Festivals in ganz Europa veranstaltet. Wir lieben Musik, wir lieben es, uns durch neue Musik zu wühlen und frische Künstler auf Tour zu schicken. Und wir lieben Festivals. FUCKYEAH, wir LIEBEN Festivals! Und dort ist er auch schon wieder: der gepflegte Wochenend-Hedonismus. Einmal ausklinken bitte, sich mit seinen Freunden zerfeiern, auf seine Lieblingskünstler abflashen, Kostüme aus Gaffa basteln, die Campnachbarn beim Flunkyball vernichten und bis spät in die Nacht kubikmeterweise Grillgut über glühende Kohle ziehen.Seit vielen Jahren nun arbeiten wir eng mit Viva con Agua zusammen, unterstützen sie durch Spenden und bieten ihnen auf unseren Open Airs ein Forum, um z.B. durch Pfandbecherspenden und Kunstaktionen Awareness zu schaffen und Spenden für Trinkwasserprojekte in der ganzen Welt an den Start zu bekommen. ?Du wirfs' Dein' Pfandbecher da in die Tonne rein un' die baun dann Brunn' in Afrika!?, wie es ein leicht angetrunkener Festivalgast seinem ebenfalls angeschossenen Kumpel mal so schön erklärte. So einfach war es auch mal für mich. Bis vor zehn Tagen.

Wir kamen im Dunkeln am Flugplatz Entebbe, direkt am Victoriasee (übrigens der drittgrößte der Welt), an. Uganda empfing uns direkt mit fluffigen 28°C, Moskito-Tornados und einer Handdesinfektions-Dusche. Ach ja, Ebola in anderen Teilen Afrikas, da war ja was. Nachdem unser Fahrer Godfrey mir beim Händeschütteln fast die Schulter auskugelte, weil er sich so freute, dass wir zu Besuch kommen und wohlbehalten gelandet waren, shuttelte er uns zielsicher nach Kampala, der Hauptstadt Ugandas. Hier flog unserer Reisegruppe das erste Mal der Culture-Clash um die Ohren, denn Kampala ist mit seinen 1,35 Mio. Einwohnern wie ein Wespennest. Trotzdem greifen alle Räder ineinander und es funktioniert, das Leben in Ugandas Hauptstadt. Begriffe wie Straßenverkehrsordnung, Gesundheitsamt und Sicherheit am Bau rufen höchstens Reaktionen wie Verständnislosigkeit oder schallendes Gelächter hervor. Läuft.

Unsere erste Homebase ist das Hotel Top Five, welches sich ein Bein ausreißt, um es unserem Haufen Mzungus so angenehm wie möglich zu machen. Mzungu bedeutet übrigens so viel wie ?weiß / smart / rich / educated?, aber ohne negative Konnotation, wie man uns erklärte. Trotzdem hinterließ der Begriff immer einen seltsamen Beigeschmack in meinem Hinterkopf. Wir sind doch als Freunde hier, oder? Man kann halt nicht aus seiner Haut.

Der Sonntag beginnt mit einer Hervorragenden Boda-Boda-Tour, um schmuf in den Flow des Landes zu kommen. Ein Boda-Boda ist ein Motorrad, irgendwo um einen 100er Hubraum, die dort wirklich jeder fährt. Boda-Bodas sind so etwas wie die Ugandische Antwort auf Uber, bloß für Gefahrensucher. Man kann jederzeit einen Boda-Fahrer anhauen und sich für schmale Kohle quer durch die Stadt fahren lassen. Helm? Hehe, träum weiter.

Wir jedoch waren mit ?Safe Boda? unterwegs, einer Truppe von Chef Ricky zusammengestellt, der auch nur so genannt wird, weil er sich eine Sportjacke gekauft hatte, auf der hinten bereits Ricky draufstand. Ricky stellt bei Safe Boda nur Leute an, die sich verpflichten, sich an die Straßenregeln zu halten und keine wilden Stunts abzuziehen. Hier gab's dann auch Helme für alle. Tolle Idee, das! Ricky stellte sich außerdem als hervorragender Fremdenführer heraus, da er so etwas wie eine wandelnde Enzyklopädie zum Thema Kampala war. Somit bereisten wir mit unserer Motorrad-Gang den Bahai-Tempel (einer von acht weltweit), die Gaddafi National-Moschee (nachdem wir die Ladies unserer Truppe, Anja vom Deichbrand, Lara von der Wacken Foundation und Lisa von VcA München, adäquat eingepackt hatten)

und den Königspalast inklusive Idi Amins ehemaligem Folterkeller. Was für ein abgefuckter Ort. Dort trat das erste Mal das maßlose Leid der Ugandischen Vergangenheit spürbar zu Tage. Tyrannei, Elend und Tod, komprimiert auf einige Kubikmeter unter der Erde versenkten Betons. Eine Narbe auf der Seele Ugandas. Schnell ein Foto? Ja, für Zuhause.

Als wir das erste Mal das National Theater besuchten, der Ort an dem am kommenden Samstag das We Love Youganda-Konzert stattfinden sollte, war das Betongebäude bereits massiv aufgemöbelt worden. Julia Benz, ihres Zeichens Malerin, hatte nicht nur die Frontseite mit einem Wasser-Murial aufgemöbelt, Bobbie Serrano vom Kunst/Design-Kollekitv Der 6te Lachs brachte auch seinen Entwurf des ugandischen Flaggenviechs, des Kranichs, an die Wand, während ugandische Künstler die Rückseite des Theaters mit einem riesigen Bild versahen. Der Megaflash. Kunst in your face!

Dem nächsten Tag trat ich mit gemischten Gefühlen entgegen. Heute würde unsere Gruppe gen Lira im Norden aufbrechen, unserer nächsten Homebase, von wo aus wir direkt in einige Projektgebiete reisen wollten. Wir waren in zwei Gruppen eingeteilt worden, die Gruppe, die die zukünftigen Projekte in Moroto besuchen sollte, war bereits unterwegs. Annika von der Welthungerhilfe, mit der Viva con Agua vor Ort intensiv zusammen arbeitet, stieß zu uns und ab ging die wilde Fahrt, sechs Stunden auf einer schnurgeraden und völlig zertrümmerten Straße in den Norden des Landes. Nach jeder Menge unfassbarer Natur, heruntergewirtschafteten Bandscheiben und mit am Straßenrand gesnackten gekochtem Maniok, kamen wir wohlbehalten im Hotel St. Lira an. Uganda ist übrigens ein Land, was eigentlich kein Hungerproblem hat. Der Boden ist extrem fruchtbar, es gibt bis zu drei Ernten im Jahr. Es fehlt jedoch an vielen Stellen die logistische Infrastruktur um Waren zu verteilen oder sogar zu exportieren. Ich hätte mir Dagobert Ducks Geldspeicher mit Mangos auffüllen können, die leider das Zeitliche segnen würden, weil keiner sie exportieren kann. Uganda, Land der Ambivalenz.

Der Dienstagmorgen brach an und die Maribus krakeelten uns sanft aus dem Schlaf. Frühstück, ein kurzer Blick auf die Geschehnisse im Ugandischen Fernsehen und ab in den Bus. Mit von der Partie sind Anthony und Dennis von der Welthungerhilfe in Lira, Fachkundige der Aufgaben der Gegend und Dolmetscher auf unserem Trip in die Projektdörfer. Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen, ziemlich aufgeregt und hab auch ein wenig Bedenken, dass ich mich völlig zum Lauch mache.

Aber schon als unser Bus über Trampelpfade auf eines der Projektdörfer zu rumpelt und uns bereits eine Karawane von singenden, tanzenden und jubelnden Dorfbewohnern entgegenkommt, stelle ich fest, dass jegliche Bedenken grundlos waren. Wir fallen uns allen gegenseitig in die Arme als wir aus dem Bus steigen und staunende Kleinkinder werden uns in die Arme gedrückt während wir mit Blättern behängt werden, eine Willkommensgeste für Gäste. Es wird gar nicht lang gefackelt und der ganze Tross setzt sich singend und vor allem tanzend in Richtung Dorfplatz in Bewegung. So schräg das jetzt auch klingen mag, dort kam das alles natürlich und von einem Moment auf den anderen war man Teil des Ganzen. Nix mit Distanz, nix mit Argwohn, einfach nur die pure Freude und Gastfreundschaft.

Die ganze Community war auf dem Dorfplatz unter einem riesigen Mangobaum versammelt. Wir stellten uns alle gegenseitig vor, es wurde über Probleme und Errungenschaften gesprochen, es gab viel Musik und Tanz, ein Theaterstück wurde aufgeführt, es wurde Fußball gespielt (mit stilechtem St. Pauli-Ball, is klar), wir schauten uns die Brunnen und Wasserstellen an und wurden sogar fürstlich bekocht. Schier umgehauen hat mich die Mentalität der Community in den drei Projektdörfern, die wir besucht haben. Es schien eine Art ernste Unbeschwertheit vorzuherrschen, eine Leichtigkeit des Gemüts, die vor den Härten des Lebens keine Angst hat. So viel Stärke, so viel Stolz, so viel Offenheit.

Hier war es auch, im Gespräch mit den Einwohnern, als mir eine Grundlegende Wahrheit der Arbeit von Viva con Agua und der Welthungerhilfe klar wurde: Es gehört so viel Kraft, Hartnäckigkeit und langer Atem dazu, auch nur die kleinste Verbesserung herbeizuführen, aber so deprimierend wenig, um das ganze Geflecht zum Stillstand kommen zu lassen. Bildung braucht Zeit um nachhaltige Früchte zu tragen, ein korrupter Politiker an irgend einer Stelle ist in der Lage eine Region um Jahrzehnte zurück zu werfen, ein Moment der Unachtsamkeit und eine Wasserquelle ist kontaminiert und im besten Falle nur vorübergehend unbrauchbar. Es reicht nicht, einen Brunnen zu bauen, denn Zugang zu sauberem Trinkwasser ist nur ein Baustein zur nachhaltigen Steigerung der Lebensqualität. Das ganze steht auf dem Fundament WASH ? WAter, Sanitation, Hygiene und wenn eines dieser drei Themen nachlässig behandelt wird, sind die anderen beiden hinfällig. Latrinen müssen gebaut (und genutzt), das Bewusstsein für Hygiene geschaffen werden. Nachhaltig. Thema Bildung ? da ist es wieder.

Liebe Freunde ? die Arbeit und das Engagement von den Guten dieser Welt, wie z.B. Viva con Agua und der Welthungerhilfe, ist so fuckin' wichtig! Mit dem Becher, den Ihr jedes Jahr auf unseren Festivals spendet tut Ihr alle so unfassbar viel mehr, als Ihr selber auf dem Schirm habt! Ihr supportet ein Netzwerk, welches wirklich hilft! Mit den Menschen, für die Menschen. Ihr gebt ihnen die Zange in die Hand, um dem Elend die Zähne zu ziehen und zwar dauerhaft. Also hört nicht auf!

Ein jedes Mal, wenn wir uns aus den Projektdörfern verabschiedet hatten, war unsere kleine Schar sprachlos. So viele Eindrücke, so viele Emotionen, so viel Wahrhaftigkeit. Work-Life-Balance my ass, Facebook, geh kacken, PEGIDA, fick Dich. Auf dem Rücken dieser Menschen ist unser Wohlstand aufgebaut und was geben wir zurück? Im Norden Ugandas gibt es monströse Ölfelder, in denen seit einigen Jahren Öl gefördert wird. Wohin? Keine Ahnung. Fließt dadurch Geld in das Land zurück? Nee, da wartet man seit sieben Jahren drauf, dass das passiert. Aber es stehen Leute mit Maschinengewehren vor den Werkstüren, da bekommt man keine Antworten. Die Musik auf meinem iPhone hört sich auf dieser Rückfahrt irgendwie schräg an.

Ich kehrte verändert aus Lira wieder zurück nach Kampala und da war ich sicher nicht der Einzige. Schon der Wiedereintritt in das Wespennest der ugandischen Hauptstadt war einigermaßen überwältigend, doch die für mich folgende Magenverstimmung mit hohem Fieber als Beilage gab mir endgültig den Rest. Somit verpasste ich leider auch das We Love Youganda-Konzert im National Theater mit Bebe Cool, Onejiru, Tucker HD und vielen mehr, genau wie das Secret Wars-Battle zwischen Julia, Bobbie und lokalen Street Art-Künstlern und auch das Fußballspiel der VcA Allstars gegen das Watoto Wasoka-Team aus Kampala. Naja, man kann ja nicht alles haben. Außer 40°C Fieber. Das anscheinend schon.

Und somit kehre ich zurück in den Schoß dessen, was wir überheblich als ?Zivilisation? betrachten. Ich bin schlauer, meine Prioritäten haben sich verschoben, meine Meinung von ?wichtig? und ?unwichtig? hat sich geschärft. Bin ich glücklich, zurück im Land der Privilegien zu sein? Ja, das bin ich. Denn es ist so schön bequem. Werde ich Uganda wieder vergessen? Nein. Uganda kann man nicht vergessen. Und das ist gut so.


UNSERE FAMILIE