Trinkwasser in Äthiopien

In Äthoipien unterstützt Viva con Agua WASH-Projekte und dabei beispielsweise den Bau von Brunnen. So erhalten mehr Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Doch wie funktioniert das Anbohren von Wasserquellen eigentlich? Chiefdriller Melkie beherrscht John‘s Rig, das mobile Bohrgerät, wie kein Zweiter. Hier erklärt er, wie so eine Bohrung funktioniert. 

Seit Ende 2020 dauert in Äthiopien ein bewaffneter Konflikt zwischen Regierungstruppen und den Tigray Defense Forces, dem bewaffneten Arm der sich selbst als Volksbefreiungsfront bezeichnenden TPLF an.
Das Einsatzgebiet und aktuelle Brunnenbohrungen von Johns Rig liegen im Südwesten des Bundesstaates Amhara. Somit sind die Arbeiten mehrere 100km entfernt von Kampfhandlungen auf der Verbindungsstraße von Tigray Richtung Addis Abeba.
Die Arbeiten des Bohrgeräts Johns Rig laufen entsprechend aktuell weiter. Dabei steht der Schutz von Mitarbeitenden immer an erster Stelle. In ständigem Austausch mit unseren Partnerorganiationen evaluieren wir weitere mögliche Schritte.

Anlässlich der aktuellen Situation werfen wir einen Blick zurück auf ein Gespräch mit Chiefdriller Melkie der Johns Rig in Äthiopien bedient.

Das Dorf Getem liegt an der Verbindungsstraße zwischen Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba und Bahir Dar, der größten Stadt der Provinz Amhara im Nordwesten des Landes. Auf einer Anhöhe grasen vereinzelt Kühe in der Sonne. Von hier aus kann man die Häuser des Dorfes überblicken und über die gelb leuchtenden Maisfelder hinweg den Blick in die Ferne schweifen lassen. An jedem anderen Tag könnte man die Ruhe und Weite dieses Ortes genießen. Heute aber stört ein donnernder Motor das Idyll.

Vor den Maisfeldern ragt eine sechs Meter hohe Bohrstange empor: John’s Rig ist zu Besuch. Um den bunt bemalten Giganten haben sich die Bewohner*innen des Dorfes versammelt und verfolgen neugierig, was sich auf dem Dorfplatz abspielt. Die Menschen in Getem – in der Regel die Frauen und Kinder – müssen bislang rund zwölf Kilometer bis zur nächsten Wasserquelle laufen.

Johns Rig in Äthiopien

Ein Brunnen für das Dorf verändert Leben

Jetzt soll ein Flachbrunnen in unmittelbarer Nähe ihrer Häuser gebohrt werden. Das wird wertvolle Zeit sparen, die für die Arbeit und Schulbildung genutzt werden kann. Kurze Strecken sind zudem ungefährlicher, und vor allem ist eine gute Wasserqualität durch den di-rekten Bezug aus dem Grundwasser gesichert. John’s Rig, das mobile Brunnenbohrgerät, gehört zum engsten Kreis der Viva con Agua Familie. Dank der Bemalung durch den Künstler David Shillinglaw ist er stets ein Blickfang auf seiner Mission.

Seit 2017 ist John’s Rig nun schon in der Amhara-Region in Äthiopien unterwegs und bohrt im Auftrag von Viva con Agua und in Zusammenarbeit mit der Welthungerhilfe und der lokalen NGO ORDA (Organization for Rehabili-tation and Development in Amhara) ein Brunnenloch nach dem anderen. Ziel ist es, 176 Flachbrunnen und neun Tiefbrunnen bis 2023 zu bohren. Ein Flachbrunnen ist zwischen dreißig und sechzig Meter tief und kann fünfzig Haushalte mit Trinkwasser versorgen. Ein Tiefbrunnen reicht neunzig bis 150 Meter in die Tiefe. Die Kosten für solche Brunnen liegen im Schnitt bei 10.000 Euro. 

John’s Rig und seine Mannschaft haben sich bereits in Position gebracht. Das Drilling Team von ORDA besteht aus acht Mitarbeiter*innen, darunter Yirga Aynalem Wudie und Melkie Gebru Alemeante. Yirga ist Hydrogeologe und hat im Vorfeld anhand von Bodenproben und technischen Messungen geprüft, wo die Wahrscheinlichkeit auf Grundwasser zu stoßen am höchsten ist.

Was macht eigentlich ein Chiefdriller?

Jetzt, wenn es mit der Bohrung losgehen kann, kommt Melkie ins Spiel, der Chiefdriller. Obwohl seine Jobbezeichnung nach Haudegen klingt, ist der 47-Jährige ein eher schüchterner und sanftmütiger Typ. Er klettert auf das seitliche Podest des Rigs und öffnet mit einem lauten Knarzen den Deckel zur Schalttafel. Von hier aus steuert er die gesamte Maschine.

Mit viel Ruhe und Geduld erklärt er den Bohrprozess: „Das sind die Stabilisatoren. Sie stellen sicher, dass die Bohrung gerade verläuft.“ Er zeigt auf die Unterseite des Rigs. An vier Stellen werden Füße ausgefahren, die das Gerät über dem Boden horizontal ausrichten. „Als nächstes starten wir die Motoren, damit sie für die Bohrung warmlaufen können.“ Der gesamte Rig vibriert und erwacht laut knatternd zum Leben. Die Bohrung beginnt. „Mit diesem Knopf kippe ich den Ausleger nach oben, damit die Bohrstange und der Bohrkopf befestigt werden kön-nen“, erklärt Melkie. Der Bohrkopf, die sogenannte Meißel, besteht aus drei nebeneinander liegenden Rollen, die mit Metallnoppen versehen sind. Durch die Rotation und den Druck bohrt sich das Metall wie Butter durch das Deckgestein und das härtere, tiefliegende Grundgestein.

Ab nach unten!  So bohrt Melkie nach Trinkwasser

Und wie kommt man jetzt bis zum Grundwasser, wenn der Ausleger nur rund 15 Meter lang ist? Melkie zeigt auf die Rohre am Boden. Insgesamt haben sie sechs Bohrrohre dabei, die jeweils zehn Meter lang sind. „Zuerst bohren wir ein Rohr zehn Meter tief in die Erde. Danach stabilisieren wir es in der Erde“, sagt Melkie. „Dann fährt der Ausleger wieder nach oben und das zweite Rohr wird daran befestigt. Das erste Rohr im Boden und das zweite Rohr am Ausleger werden miteinander verschraubt, sodass die Bohrstange jetzt 20 Meter lang ist und tiefer in die Erde gebohrt werden kann. Das wird mehrmals wiederholt. Sind alle Rohre ineinander gesteckt, erreicht der Bohrer eine Tiefe von bis zu 60 Meter.“ 

Auf dem Weg nach unten liegt allerdings einiges im Weg. Wohin mit der ganzen Erde und dem Gestein? Ab nach oben! Und wie? „Mit Wasser und Luftdruck. John’s Rig hat zwei Motoren: ein Hydraulikmotor und einen Kompressor. Sie schießen während des Bohrvorgangs Wasser aus einem Wassertank und Luft durch das Bohrrohr nach unten. Der Druck befördert das aufgeweichte Material an der Außenseite des Bohrrohrs entlang nach oben. Es sprudelt an der Oberfläche hervor.“ Der Matsch, der beim Bohrvorgang an die Oberfläche spritzt, ist also noch kein Grundwasser, sondern besteht aus aufgeweichten Trümmern, die auf dem Weg nach unten aus dem Weg geräumt werden. Ein Gehäuse wird um das Bohrrohr in die Erde eingelassen damit das Bohrloch nicht kollabiert. Lehm stabilisiert die Seitenwände.

Das Wunder des Wassers

Und dann passiert das Wunder, auf das alle warten: Wasser schießt über mehrere Meter in die Höhe, der Bohrkopf ist auf Grundwasser gestoßen! Selbst für das ORDA-Team ist es immer wieder ein besonderer Moment, da trotz aller vorherigen Messungen nie sicher ist, ob sie Grundwasser finden werden. Die Bohrung ist damit abgeschlossen und das Team entfernt den Bohrer.

In das Gehäuse wird später ein Kunststoffrohr eingelassen. Ähnlich wie die Bohrrohre besteht es aus mehreren Bestandteilen. Diese werden nach und nach ineinander gesteckt, bis die notwendige Länge erreicht ist. Am oberen Ende wird abschließend das Gehäuse abgedeckt und eine Pumpe installiert. Zwei bis drei Tage später ist der Brunnen für die Bewohner*innen nutzbar.

Damit das möglichst lange so bleibt, hat die Welthungerhilfe mit Viva con Agua die Sustainable Services Initiative (SSI) ins Leben gerufen. Neben der Installation eines Brunnens sind auch die fortlaufende Wartung, die korrek-te Nutzung und Informationsarbeit rund um Wasser- und Hygienethemen wichtig, um die Nachhaltigkeit der Maßnahmen zu gewährleisten. In enger Zusammenarbeit sorgen die örtlichen Behörden und die Bewohner*innen („WASH-Komitee“) dafür, dass der Brunnen langfristig nutzbar ist. Alle drei Monate prüfen Teams unserer Partnerorganisationen, ob der Brunnen optimal funktioniert.

Für John’s Rig und sein Team ist die Arbeit hier getan. Der Gigant lässt nichts weiter zurück als eine kleine Pumpe, die das so wertvolle Wasser an die Oberfläche befördert – und glückliche Menschen. Er kann sich nun auf den Weg zu einer neuen Bohrung machen. 

Johns Rig bohrt nach Wasser
  • #1

    Was passiert wenn sich der Konflikt ausweitet?

  • #2

    Wie steht Viva con Agua zu dem Konflikt?

  • #3

    Was ist der Hintergrund des Konflikts?

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